NebengeräuschSchaltkreise & Pedale Verändern Die Welt

[Schaltkreise & Pedale Verändern Die Welt]

Der Dokumentarfilm “Fuzz: The Sound That Revolutionized The World” (USA, 2007) von Cliff Taylor erzählt von Hinterhof-Ingenieuren, Elektronik-Gurus und Industrie-Managern, die allesamt eines verbindet: Sie sind auf der Suche nach dem perfekten Schaltkreis, nach dem einzigartigen Klang. Auch wenn der Film keine wirklichen Neuigkeiten und keine plausible Erzählstruktur – durchgehend wird seltsam beliebig von hier nach dort gesprungen -, ist es ein unterhaltsamer 90-Minuten-Tauchgang durch die abgefahrene Welt der Effektpedalnerds.

NebengeräuschDavid Letellier: Kinetik, Klang, Skulptur

[David Letellier: Kinetik, Klang, Skulptur]

David Letellier hat ob seines Feingefühls schon ein ums andere Mal auf diesen Seiten Erwähnung gefunden. Dass er nicht nur als delikater Soundtüftler KANGDING RAY Famoses zu leisten, sondern seine Finesse auch in optisch-mechanischen Zusammenhang zu vermitteln im Stande ist, beweist er mit seiner aktuellen Installation “Versus” in Lyon.

Die dort installierten, feinmechanischen Skulpturen erzeugen selbst Klänge und reagieren auf von Besuchern sowie der Umwelt erzeugtem Schall. Momentgeräusche des Alltags werden als kinetisch-akustische Erscheinungen reproduziert und ersetzen diese gleichzeitig als Gegenwärtiges.

The original sound is continuously transformed, and becomes something entirely new and unpredictable. The memory of past events is hold for a moment, until it’s reproduced, degraded, and then forgotten, replaced by the present.

NebengeräuschCD-Recycling: 45rpm-Singles aus Plastik

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Es könnte kaum eine symbolträchtigere Art geben den Niedergang der CD zu beschreiben: Der britische Komponist und Musiker Aleks Kolkowski hat im Rahmen des Futuresonic Festivals 2008 in Manchester seine altehrwürdig Vinyl-Schneidemaschine dazu genutzt, Daten auf entsorgten CDs zu “überschreiben” und statt dessen Rillen ins Plastik zu kratzen, womit die CD als 45rpm-Scheibe auf herkömmlichen Schallplattenspielern abspielbar gemacht wurde. Welch Demütigung für die kleine silberne Scheibe. Unter den Audiophilen wirft das nun die ganz neue Frage auf, ob denn diese CD-Platten besser als Vinyl klingen…. [via]

Einen anderen Weg ist der Chicagoer Techno-Musiker Jeff Mills gegangen. Er hat mit “The Occurrence” eine Scheibe kreiert, die auf der einen Seite eine Vinyl Pressung hat, auf der Flipside jedoch eine normale CD ist. Diese Mitte des Jahres 2010 veröffentlichte Hybrid Disc ist somit auf normalen Turntables ebenso abspielbar, wie im CD-Player. Die Scheibe ist Teil von Mills’ “Sleeper Wakes”-Serie, in der er versucht neue Sounds und ungewöhnlich Präsentationsmöglichkeiten auszuloten. [via]

NebengeräuschMartin Büsser: Audioarchiv

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Das Audioarchiv kritischer Theorie & Praxis hat in Gedenken an den im September 2010 viel zu früh verstorbenen Martin Büsser eine Sammlung von Vor­trags­mit­schnit­ten und Ra­dio­bei­trä­gen kompiliert. Als Verleger (Ventil), Redakteur (testcard u.a.) und Kulturkritiker hat der scharfsinnige und eloquente Büsser sicherlich nicht nur meine Sicht auf viele Dinge entscheidend geprägt. Warum das so ist, lässt sich anhand der Audiobeiträge rückblickend nochmal gut nachvollziehen. Wichtig!

NebengeräuschVisitenkarten für Vinylnerds

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Nachdem hier unlängst das Angebot des englische Unternehmen And Vinyly vorgestellt wurde, Asche menschlicher Überresten zu Vinyl zu pressen, soll es heute einen Hinweis geben, wie Vinylnerds noch zu Lebzeiten ihre innige Verbundenheit zum Material zur Schau stellen können: Tief in der schwäbischen Provinz überführt Christian Trögele den haptisch angenehmen Werkstoff in ein zweckdienliches Utensil, fertigt aus herkömmlichen Schallplatten Vinylvisitenkarten an. In entsprechend gewünschter Formgebung und Beschriftung sind die Dinger jedoch auch als Akkreditierungen, Tickets, Flyer u.ä. denkbar. Extrem schick und extrem exklusiv, denn das auf den Namen TROXXY Vinylz getaufte Prinzip ist eine Weltneuheit und so derzeit wohl nur aus Süddeutschland zu bekommen.

NebengeräuschAsche Zu Vinyl

andvinyly

Eine Frage, die die Menschheit seit jeher beschäftigt: was geschieht mit uns nach dem Tode? Ein reizvolles Angebot für Musikliebhaber unterbreitet da das englische Unternehmen And Vinyly: Ein Weiterleben mit 33 1/3 rpm als 12″-Vinyl. Gegen entsprechendes Entgeld wird die Asche menschlicher Überresten zu Vinyl gepresst und zudem auf Wunsch auch im Coverartwork verarbeitet. Etwa 30 LPs mit 12 Minuten Sound auf jeder Seite sind durchschnittlich möglich. Die Playlist ist dabei übrigens frei wählbar. Ob Abschiedsrede, Wunsch-Compilation oder blankes Vinylknistern: Einem Leben nach dem Ableben als “the best album you can imagine” im Plattenregal der Liebsten steht also nichts mehr im Wege. [via1/via2]

NebengeräuschInhalt statt Ego: Aufhören zu kuschen.

InhaltStattEgo

Auf taz.de erscheint seit kurzem eine Essay-Reihe zu einem derzeit rege diskutiertem Thema, der “Zukunft der Musikkritik”. Nachdem Wolfgang Fromberg (Intro) und Jörg Sundermeier (Verbrecher­verlag) in den ersten beiden Beiträgen zwar einige ganz richtige Gedanken entwickeln, diese aber nicht konsequent auf den Punkt zu bringen vermochten und Hannah Pilarczyk (Neon) in Teil 3 der Debatte irgendwie seltsam am Thema vorbei geschrieben hatte, gibt es in Beitrag 4 eine wunderbar aufgeräumte und auf den Punkt gebrachte Position zu lesen.

Die freie Journalistin Nadja Geer (taz, Die Zeit, Spex) formuliert darin resümierend einen Grundsatz, den sich so mancher Rezensent mal in Großdruck an die Pinnwand an seinem Arbeitsplatz heften sollte:

Kritik soll nicht lecker schmecken,
sondern ein Bewusstsein schaffen und sensibilisieren.

Geer hat ganz richtig erkannt: Die auf den Hund gekommene Popkritik krankt im Wesentlichen nur an sich selbst! Advertorialpraxis und Selbstdarstellungsdrang haben sie zu einer Ware verkommen und damit für ihre Absichten wirkungslos werden lassen. Sich teilweise auf die Darstellung ihrer Vorredner beziehend, fordert Geer von Popkritik Inhalt statt Ego. Das zu Kritisierende muss wieder in den Mittelpunkt rücken – und darin deckt sich ihre mit meiner Meinung -, um einer Oberflächlichkeit mit Diskurs, Tiefe und Kontextualisierung zu begegnen. Das Ego solle nicht zur Formierung, sonder zur Formulierung benutzt werden.

Als Basis für eine prüfenden Beurteilung sollte all dies eigentlich dem Selbstverständnis jedweder Kritik immanent sein. Die aktuelle Orientierungslosigkeit der Popkritik und die daraus resultierende nach Frischluft schnappende Diskussion ihrer Aktanten ist jedoch ein Hinweis darauf, dass dies längst nicht so selbstverständlich zu sein scheint. Deshalb kann es gar nicht oft und laut genug wiederholt werden: Popkritik muss aufhören, zu kuschen!

NebengeräuschEine schroffe Ablehnung des ganzen Scheiß lesbar machen

schroffeAblenunLesbarMachen

Auf taz.de fand ich heute mit dem Artikel “Das popjournalistische Quartett – Reform bei Musikzeitschrift Spex” von Lukas Dubro einen Beitrag über die Diskussion von Sinn und Unsinn von Plattenrezensionen im Internetzeitalter – einer Zeit also, in der sich jeder Musikinteressierte vielfältigste Informationen über Künstler sowie auch konkrete Klänge nach Gusto via Mausklick beschaffen kann, ergo nicht auf eine deskriptive Vorfilterung von Irgendwem angewiesen ist.

Aufhänger des Artikels ist der Fakt, dass im Hause Spex seit Anfang des Jahres dieser vermeintlichen, durch die Schnelligkeit des Internets bedingten Unnötigkeit von Tonträgerrezensionen mit einer aufoktroyierten Vielstimmigkeit zu begegnen versucht wird. In Zukunft rezensieren dort nun im „Pop-Briefing“ jeweils mehrere Redakteure diskutierend eine Platte – mit dem einer gewissen Ironie nicht entbehrendem Ergebnis, dass die Rezensionen der Zeitschrift fortan genau das sind, was das Internet auch zu offerieren vermag: ein vielstimmiges „Jeder-gibt-seinen-Senf-dazu“. Auf der Suche nach Qualitäten, die durchschnittliche Musikblogs nicht bieten können, verhaspelt sich die Spex also in der Heimat derselben: in den Weiten der Positionslosigkeit.

Statt solcher postmodernen Zerredung von Musik, wäre es meiner Meinung nach wohl richtiger (und wirklich nötiger) sich ausführlich und vor allem kritisch mit dem Gegenstand zu beschäftigen, um so einer Oberflächlichkeit mit Diskurs, Tiefe und Kontextualisierung zu begegnen. Im Sinne einer solchen “qualifizierte Langsamkeit” fordert der Pop-Theoretiker Diedrich Diedrichsen, statt der allgegenwärtigen Lobhudelei von Lieblingsmusiken der Autoren, eine “schroffe Ablehnung des ganzen Scheiß” lesbar zu machen (vgl.). Der Fokus sollte darauf liegen, sich mittels Intensität und Gehalt einen Relevanzvorsprung gegenüber dem massenhaft vertretenen Egalem zu erarbeiten.

Da eine blass plappernde Berichterstattung ja gar kein exklusives Phänomen des Internets ist – wie uns die im taz-Artikel zu Wort kommenden Chefredakteure Max Dax (Spex) und Dennis Plauk (Visions) frech weiß machen wollen -, spielt es eigentlich keine Rolle, in welcher Form und an welchem Ort dies dann geschieht. Sowohl Print, als auch Web könnten ein Mehr an Tiefgang gut vertragen. Es kommt einfach auf die Inhalte von Texten an: deren Publikationsorte bieten keine Auskunftsbasis für ihre etwaige Konstitution, wenn diese Profundes liefern.

[via]

NebengeräuschTestcard #18: Regress

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Fast druckfrisch flattert mir hier die neue Testcard-Ausgabe ins Haus. Wie schon in Nummer #17 kommt auch in der aktuellen Ausgabe der in dieser Publikation eigentlich zu verhandeln beabsichtigte Gegenstand – nämlich die Musik – etwas kurz. Entschuldigend und Verständnis erregend begründet die Redaktion im Editorial folgendermaßen:

Bevor sich die testcard-Redaktion wieder den Dingen widmet, die keinerlei Lobby mehr haben und als wirtschaftlich so unrentabel gelten, dass die Medien sie sich selber überlassen, muss erstmal darüber nachgedacht werden, wie und warum es hat so weit kommen können. Ein in seiner Selbstherrlichkeit völlig überdrehter, jetzt endlich als Krise manifester Kapitalismus ist sicher nur eine Ursache, die den geistigen und kulturellen Regress bedingt, aber nur ungenügend erklärt. Mit ökonomischen Sachzwängen hat das Abdrängen jeglicher nicht warenförmiger Kultur in die Nischen nämlich nur bedingt zu tun.

Im Blickpunkt der Ausgabe stehen der mentale Wandel, der u.a. im “Ruf nach Geschlechterrollen und Tugenden, die uns mindestens in die 1950er-Jahre zurückwerfen” und der gesamtgesellschaftliche Tendenz zur “Renaissance von Werten wie Religion, Kleinfamilie, Nation und Disziplin” seinen Ausdruck findet. Es geht also um das Wiederaufkeimen von Werten, die weder in das Boheme-Konzept bisheriger Avantgarde noch in das emanzipatorische Verständnis von Zivilgesellschaft passen. Besorgniserregend ist dabei auch die Feststellung, dass in Lebensentwürfen, bei denen es um “Selbstdisziplinierung und den bedingungslosen Willen nach Erfolg” geht, für Avantgarde und Störgeräusche jeglicher Art kein Platz ist. Des weiteren wird ausgeführt, dass dabei die “neue Stimme der Reaktion [...] nicht einfach nur »von oben«” kommt, sondern sich durchaus aus der Mitte der Gesellschaft speist.

Phänomene wie flächendeckende Kameraüberwachung werden von einem Großteil der Bürger begrüßt oder sogar ausdrücklich gefordert. Zudem werden die Menschen von niemandem gezwungen, Filme wie [...] Keinohrhasen oder Bücher über spirituelle Erweckungsgefühle auf dem Jakobsweg zu konsumieren, vielmehr treffen diese Phänomene jene neue Mentalität, die den Eindruck aufkommen lässt, es habe das Projekt Aufklärung nie gegeben.

Testcard #18 wirft einen kritischen Blick auf den reaktionären Backlash, den die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren erfahren haben, vermeidet dabei einseitige Schuldzuweisungen. Wer diese Publikation bis jetzt noch nicht für sich entdeckt hat, sollte diesen misslichen Umstand schnellstmöglich beheben! Und ab dafür…

testcard #18: Regress | Atlanta Athens, Roger Behrens, Martin Büsser, Jonas Engelmann, Johannes Ullmaier (Hg.) | Ventil Verlag, 2009
www.testcard.de | www.ventil-verlag.de

NebengeräuschAus der Hexenküche des neonazistischen Kulturbetriebs

satanusimhinterhof

“Satanus im Hinterhof” – ein interessantes, von Deutschlandfunk produziertes Feature über Neo-Nazismus und die Rolle von Musik dabei.

Sie rappen und rocken in Teufels Namen, NS-Blackmetal-Music föhrt und feuert, dass den Teufel höchstselbst der Schwindel befällt. Während die NPD offen um neue Anhänger wirbt, zelebrieren rechte Bands in abgeschotteten Räumen. Ein Feature..

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(Erstsendung: Freitag, 02. Jan 2009. 20.10 Uhr, Deutschlandfunk)

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