Mit „Divding Opinions“ hatten GIARDINI DI MIRÒ 2007 eines der stärksten Indie-Rock-Alben des frühen 21. Jahrhunderts abgeliefert. Während außerhalb ihres Heimatlandes jedoch kaum jemand davon Notiz nahm, gehört die Band in Italien spätestens seit dem zu den Großen der Indie-Szene. Sämtliche zaghaft tastenden Suchbewegungen, all die behutsam ausgeübten Selbstentdeckungsprozesse der Vorgängerwerke schienen auf diesem Album zu ihrem jeweiligen Höhepunkt zusammen gekommen zu sein. In seiner äußerst gelungenen Kombination von Pop-Appeal, Musikalität, weichmütiger Melancholie und ja, auch ein wenig Weinerlichkeit, sollte das Album so etwas wie ein Endpunkt aller bisherigen Entwicklungen der zehnjährigen Bandgeschichte sein. Nur, wie macht man nach so einem Album weiter? Wie das Niveau halten, ohne sich selbst nachzuahmen? Wie sich sinnvoll neu erfinden, ohne einen komplett Bruch zu erzeugen?
Die Reaktion von GIARDINI DI MIRÒ ist eine Ausweichbewegung, die eine konkrete Antwort gewissermaßen vertagt. Das vorliegende Werk ist nämlich das Resultat eines vom Nationalen Kinomuseum Italiens erteilten Kompositionsauftrages und somit eben kein originäres Album. Die Band hatte den Zuschlag für eine Neuvertonung von Giovani Pastrones Stummfilm „Il Fuoco“ bekommen – einem Meisterwerk des italienischen Kinos des frühen 20. Jahrhunderts. Ein solches Projekt bietet natürlich Raum für eine gewisse Experimentalität – und GDM wissen diesen Raum mit Klängen und Ideen zu füllen, für die auf einem „normalen“ Album kein Platz wäre. Die Kompositionen orientieren sich in ihrer Dramatik am Grundriss des Plots: Die drei, den Verlauf der leidenschaftlich-morbiden Liebesgeschichte beschreibenden Kapitel „La Favilla“ (Der Funke), „La Vampa“ (Die Flamme) sowie „La Cenere“ (Die Asche), finden in elegischer schleppenden Soundexplorationen ihre verklanglichten Entsprechungen. Mit rockinstrumental kreierten Ambienzen werden huschende Schatten, knisternde Feuer, zarte Lichtfäden, weiche Blenden und harte Schnitte klangmalerisch nachgebildet. Für ihre effektvollen Darstellungen und Ausführungen nehmen sich GIARDINI DI MIRÒ sehr viel Zeit und geizen dabei nicht mit Kitsch.
Als eine an Bildern entlang gewachsene Musik funktioniert „Il Fuoco“ auch ohne visuelle Hilfestellung erstaunlich gut. Soll heißen: Da wo andere Projekte dieser Art ohne die Filmbilder gern mal hoffnungslos in die Knie gehen, kann das Werk der Norditaliener auch durchaus ohne Bilder bestehen. Als an von Fremden geistig-kreativ entwickeltem Material gebundene Musik fehlt den Komposition dennoch einfach eine künstlerische Eigenheit, weshalb sie auch ein gutes Stück von der Brillianz von etwa „Dividing Opinions“ entfernt ist. „Il Fuoco“ ist sicherlich keine musikalische Offenbarung, aber eine gekonnt in Szene gesetzte, auch nur für sich funktionierende Filmmusik.
City Centre Offices | CD: Towerblock048 | Oktober 2010
www.city-centre-offices.de | www.giardinidimiro.com
© Beitrag veröffentlicht auf RoteRaupe.de (Oktober 2010).