
Manchmal muss man sich in die Keller der Urbanität begeben, um die Berge sehen zu können! Und so landet man dann mittwochabends in einem dunkel-feuchten Gewölbe und starrt gemeinsam mit etwa zwei Dutzend anderen Menschen auf das bizarre Geschehen, was sich auf der in helles Scheinwerferlicht getauchten, kleinen Bühne am Ende des beinahe endlosen Raumschlauchs ereignet. Am rechten Bühnenrand steht ein mit Glitzer im Gesicht bemalter Gitarrengnom, mit den wahrscheinlich kürzesten Beinen im Rock-Business, aber so dermaßen schnellen Fingern, dass einem beim Hinschauen schwindelig wird. In der Bühnenmitte schwebt die Bassistin auf einer Arroganzwolke: Instrument mit durchsichtigem Korpus, Catsuit, Null-Blick. Links davon steht eine wild in der Luft umher fuchtelnde, feminine Ausführung von Mr. Spock, deren wirr anmutendes Gestikulat nicht Resultat geistiger Umnachtung, sondern Bedienung eines wunderbaren Moog Theremins ist.
Drei Hingucker in vorderster Front also – und doch ist der heimliche Star des Abends ein anderer. Unscheinbar und friedlich wie ein vergessener Lennon-Sohn sitzt in Reihe zwei mit Batikshirt und Langhaarfrisur der Drummer hinter seinen Riesenkesseln und malträtiert diese so tight, kraftvoll und ausfüllend, dass einem nicht nur der Atem weg bleibt, sondern auch lebendige Erinnerungen an ZEPPELIN-Bonzo ins Oberstübchen gerufen werden. So bizarr diese Konstellation optisch anmutet, so derb liegen die WHITE HILLS in den Ohren. Das auf den Tonträgern des Quartetts vordergründige 60s-psych-Moment rückt im Konzert in den Hintergrund. Stattdessen dominiert akustische Intensität, ja geradezu Brachialität. Da werden enorme Berge aus wahnsinniger Lautstärke, monströsem Sound, massivem Riffing, erschütternder Trommelei und knurrige Tieffrequenzondulationen aufgeschüttet. Berge so hoch, schroff und atemberaubend, dass der Zuhörer nur ehrfürchtig da stehen, staunen, wirken lassen kann. Bezwingbar ist dieser Brocken nicht! Dass sich die Band mit ihrem von Fuzz und Modulationseffekten dominierten, ausschweifenden, frickeligen Klangstücken ein ums andere Mal in der eigenen Weitläufigkeit zu verzetteln droht, stört ob der zwar durchaus mit Hang zum Theatralischen, aber mit so viel Herzblut dargeboten Perfomance nicht. Optisch ist das tierisch schräg, lautstärketechnisch die Hölle und musikalisch einfach atemberaubend.
Die WHITE HILLS sind ein absoluter Koloss, ein von Sturzfluten aus betörendem Lärm umspülter Apokalypsetraum. Sie verbinden New-York-Bohème mit Rock-Urschleim und kreieren daraus eine absonderliche Mischung, die ästhetisch so tut, als hätte es Punk und den ganzen nachfolgenden Rattenschwanz an musikstilistischen Entwicklungen nie gegeben, ihm im Geiste aber gar nicht so fern bleibt. Ohne sich einem Style zu unterwerfen, ohne darauf zu schielen was „im Trend“ ist und ohne jeglichen Kompromisse zu machen, stellt sich die Band auf die Bühne und macht, zuweilen recht krautrockig, aber immer auch kritisch und kraftvoll, einfach das, was sie will: lauten, arschtretenden Rock. Ein für wahr schräges Konzerterlebnis.
www.whitehillsmusic.com
Beitrag erschienen in OX #90 (Juni/Juli 2010).