TextwerkThou – Immer in Bewegung, immer voran

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Die Diskografie von THOU liest sich schon beeindruckend: seit 2007 – also in den letzten drei Jahren! – hat die Band aus Baton Rouge, Louisiana nun drei Alben, sechs EPs und acht Split-Releases veröffentlicht. Auf dem unlängst veröffentlichten Langspieler „Summit“ haben die Jungs nach dem von ihnen bekannten und gewohnten Prinzip NEUROSIS-Doom, bluesigen Hardcore und verschleppte Black Metal-Elemente mit zermürbend walzender Zähigkeit zu einer derben und schlammig-fiesen Soundmasse vermengt. Das ist ihnen derart überzeugend gelungen, dass sich nun die Doom-Avantgardisten von Southern Lord der US-Südstaatler angenommen haben und die Scheibe als Doppel-Vinyl veröffentlichen werden. Neben der erneut respektabel verwirklichten Verklanglichung ihrer Weltsicht, ist es aber vor Allem die beeindruckende Arbeitsethik, welche die Band zu einer positiven Ausnahmeerscheinung in der gegenwärtigen Independent-Klanglandschaft macht. THOU haben eine klare Vorstellung davon was sie wollen und beweisen enorm viel Rückgrat bei der Realisierung dessen. In der erfolgreichen Kombination aus harter Arbeit und querstellender Konsequenz zeigt die Band relativ erfolgreich einen möglichen, gangbaren Weg für DIY-Bands im Post-Label-Zeitalter auf und ist damit so etwas wie ein Musterbeispiel.

Was ist euer genereller Ansatz eine Rock-Band wie THOU zu betreiben?
Wir haben alle einen DIY-Punk-Hintergrund und in diesem Sinne betreiben wir auch die Band: wir haben keinen Booking-Agenten, keinen PR-Beauftragten und keinen Manager. Es gibt weder Sound-Crew noch Tourbus oder Business-Plan. Wir schreiben Musik, an der wir alle Spaß haben. Wir spielen nur solche Konzerte, die wir alle spielen möchten und nur an Orten die wir alle sehen möchten und nur für Leute, mit denen wir alle unsere Zeit verbringen möchten. Im Endeffekt läuft es für uns einfach darauf hinaus, unser Begehren zu befriedigen, Musik zu kreieren, auf die wir alle stolz sind und aus diesem Prozess noch so viel Vergnügen wie nur möglich zu ziehen. Wir fühlen uns nicht wirklich irgendeiner externen Erwartung wie wir zu klingen oder zu handeln haben verpflichtet. Sollten wir uns eines Tages dafür entscheiden lieber eine 311-Cover-Band zu sein, wäre das für uns kein Problem und in Sekunden getan.

Ihr habt seit 2007 insgesamt drei Alben und ein gutes Dutzend EPs und Splits veröffentlicht. Neben den Arbeiten und Aufnahmen zu diesen Scheiben wart ihr ständig auf Tour. All das verlangt gewisse Ressourcen an Geld, Zeit, Energie und Enthusiasmus. Wie könnt ihr euch das leisten?
Mit Hängen und Würgen! Wir haben alle feste Jobs und diese sind wesentlich dafür verantwortlich, dass wir nicht so ausgiebig touren können, wie wir das gerne würden. Statt also sechs Monate am Stück zu fahren, mussten wir bisher immer enorm erfinderisch sein, um so viele Shows wie möglich in extrem kurze, mögliche Zeitfenster zu packen. Wir spielen oftmals zwei Gigs pro Tag, wenn sich diese Möglichkeit während unserer Touren oder kürzeren Wochenendtrips ergibt. Wenn wir nicht auf Tour sind, treffen wir uns im Proberaum, um zu üben, neue Songs zu schreiben oder die Platten zusammen zu stellen. Wir spielen auch viel hier in der Gegend. Alle Mitglieder von THOU sind in mindestens einer weiteren Band, manche zudem als Konzertveranstalter tätig. Ich arbeite auch noch in einem lokalen Infoladen namens The Iron Rail und habe soeben das Label Howling Mine gegründet. Ich denke alle diese Aktivitäten außerhalb der Band demonstrieren unseren Willen und Enthusiasmus etwas zu kreieren. Statt durch das Fokussieren auf nur ein Betätigungsfeld auszubrennen, beschäftigen wir uns mit vielerlei Ideen, Blickrichtungen und Personen und können daraus wiederum Inspiration für THOU ziehen. Das hält uns auf Trab und davon ab fade, ausgelutschte Musik zu machen. Weiterlesen

TextwerkGiardini Di Mirò | Il Fuoco

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Mit „Divding Opinions“ hatten GIARDINI DI MIRÒ 2007 eines der stärksten Indie-Rock-Alben des frühen 21. Jahrhunderts abgeliefert. Während außerhalb ihres Heimatlandes jedoch kaum jemand davon Notiz nahm, gehört die Band in Italien spätestens seit dem zu den Großen der Indie-Szene. Sämtliche zaghaft tastenden Suchbewegungen, all die behutsam ausgeübten Selbstentdeckungsprozesse der Vorgängerwerke schienen auf diesem Album zu ihrem jeweiligen Höhepunkt zusammen gekommen zu sein. In seiner äußerst gelungenen Kombination von Pop-Appeal, Musikalität, weichmütiger Melancholie und ja, auch ein wenig Weinerlichkeit, sollte das Album so etwas wie ein Endpunkt aller bisherigen Entwicklungen der zehnjährigen Bandgeschichte sein. Nur, wie macht man nach so einem Album weiter? Wie das Niveau halten, ohne sich selbst nachzuahmen? Wie sich sinnvoll neu erfinden, ohne einen komplett Bruch zu erzeugen?

Die Reaktion von GIARDINI DI MIRÒ ist eine Ausweichbewegung, die eine konkrete Antwort gewissermaßen vertagt. Das vorliegende Werk ist nämlich das Resultat eines vom Nationalen Kinomuseum Italiens erteilten Kompositionsauftrages und somit eben kein originäres Album. Die Band hatte den Zuschlag für eine Neuvertonung von Giovani Pastrones Stummfilm „Il Fuoco“ bekommen – einem Meisterwerk des italienischen Kinos des frühen 20. Jahrhunderts. Ein solches Projekt bietet natürlich Raum für eine gewisse Experimentalität – und GDM wissen diesen Raum mit Klängen und Ideen zu füllen, für die auf einem „normalen“ Album kein Platz wäre. Die Kompositionen orientieren sich in ihrer Dramatik am Grundriss des Plots: Die drei, den Verlauf der leidenschaftlich-morbiden Liebesgeschichte beschreibenden Kapitel „La Favilla“ (Der Funke), „La Vampa“ (Die Flamme) sowie „La Cenere“ (Die Asche), finden in elegischer schleppenden Soundexplorationen ihre verklanglichten Entsprechungen. Mit rockinstrumental kreierten Ambienzen werden huschende Schatten, knisternde Feuer, zarte Lichtfäden, weiche Blenden und harte Schnitte klangmalerisch nachgebildet. Für ihre effektvollen Darstellungen und Ausführungen nehmen sich GIARDINI DI MIRÒ sehr viel Zeit und geizen dabei nicht mit Kitsch.

Als eine an Bildern entlang gewachsene Musik funktioniert „Il Fuoco“ auch ohne visuelle Hilfestellung erstaunlich gut. Soll heißen: Da wo andere Projekte dieser Art ohne die Filmbilder gern mal hoffnungslos in die Knie gehen, kann das Werk der Norditaliener auch durchaus ohne Bilder bestehen. Als an von Fremden geistig-kreativ entwickeltem Material gebundene Musik fehlt den Komposition dennoch einfach eine künstlerische Eigenheit, weshalb sie auch ein gutes Stück von der Brillianz von etwa „Dividing Opinions“ entfernt ist. „Il Fuoco“ ist sicherlich keine musikalische Offenbarung, aber eine gekonnt in Szene gesetzte, auch nur für sich funktionierende Filmmusik.

City Centre Offices | CD: Towerblock048 | Oktober 2010
www.city-centre-offices.de | www.giardinidimiro.com

© Beitrag veröffentlicht auf RoteRaupe.de (Oktober 2010).

TextwerkHealth | Disco2

health_disco2 Die lärmigen Klangverschachtelungen von HEALTH klingen wie die Vertonung einer düsteren Zukunftsvision von einem verdrecktem, in desolatem Zustand befindlichem Weltraum. Das Krachfaszinosum aus Los Angeles bewegt sich damit in (s)einer ästhetischen Zwischenwelt: In Sound, Form und Instrumentarium dem Noiserock eng verbunden, machte es einerseits absolut Sinn das Weirdo-Ensemble in diese Ecke zu schieben. Andererseits aber greift diese Zuordnung auch meilenweit zu kurz, denn sie assoziiert Anderes, als die als offensiv ausgeführte Arschtritte für die zum Standard gewordene Kuscheligkeit im Rock vorgetragenen Rock-Dekonstruktivismen und discoaffinen Psychperimente des Quartetts. Der bizarre Soundkosmos von HEALTH besteht eben nicht nur aus überaus prächtig brachialen Noisefrickeleien, sondern eben auch aus einer subtil eingeflochtenen Vorliebe für Synths und Disco.

Die klingende Bestätigung dessen liefern die immer wieder intendiert gesetzten Schulterschlüsse seitens der Band mit erlesenen Knöpfchendrehern der Tanzbodenfraktion. Wie schon 2007, als das fertige, selbstbetitelte Album anschließend nochmals in die Hände anderer begabter Soundtüftler gegeben wurde und ein Jahr später als „Disco“ quasi-reinkarniert das Licht der Welt erblickte, wurde nun das starke, wiederum stark von den Remixen des eigenen Vorgängers beeinflusste 2009er Machwerk „Get Color“ zur soundtechnischen Umkrempelung freigegeben: eine ausgewählte Créme de la Créme, der u.a. JAVELIN, GOLD PANDA und natürlich auch die alten Kumpel von CRYSTAL CASTLES angehören, durfte nach belieben an den Rohstoffen herum basteln. Diese extern konsultierte Musikalität hat den biestigen Originalen die sperrige Stressigkeit operativ entfernt und statt dessen eine gespenstisch-mystisch wabernde Tanzbarkeit injiziert. Zwar scheint die typisch flirrende Schrägheit der Originale noch immer durch das Klangdickicht (oder findet sich teilweise sogar verstärkt), die bisweilen rhythmische Vertracktheit des Ursprungsmaterials wurde aber zu einer straighten, glatten Dancefloortauglichkeit zurecht gebogen.

Das Ergebnis nennt sich „Disco2“ und ist eher als Compilation denn als wirkliches Album zu sehen. Tracks wie „Before Tigers“, „Die Slow“ und „Nice Girls“ finden sich in jeweils zwei Remix-Varianten auf der Playlist wieder, wohingegen andere Stücke von „Get Color“, wie etwa das prädestiniert für eine solche Art der Behandlung erscheinende „We Are Water“, hier gar nicht (bzw. nur auf der erweiterten Sonderausgabe) vertreten sind. Die Qualität der Bearbeitungen schwankt erwartungsgemäß beträchtlich, was einen recht inkonsistenten Höreindruck hinterlässt. Während z.B. die CRYSTAL CASTELS Version von „Eat Flesh“ sonderbar blass bleibt und damit enttäuscht, wissen andere Soundeditoren wesentlich überzeugenderes abzuliefern: So kitzelt etwa CFCF ein relaxtes Südsee-Feeling aus dem verstörenden „Before Tigers“ und TOBACCO verwandeln das rumpelig-kratzige „Die Slow“ in ein ober-coolen, deepen Club-Smasher. Alles in Allem wirken die Bearbeitungen deutlich zurückhaltender, chilliger, aufgeräumter als die Originale – und zeigen warum eine solche Remix-Orgie eventuell auch Sinn machen kann: Die Fremdannäherung verleiht dem Ausgangsmaterial eine Art dritte Dimension, erlaubt eine perspektivisch verschobene Betrachtung von diesem und macht Nuancen hörbar, auf die sonst wohl niemals die Aufmerksamkeit gerichtet worden wäre.

Und doch stehlen HEALTH all den ihr Werk remixenden Kollegen die Show: mit „USA Boys“ gibt es nämlich gleich zu Beginn des Albums auch einen gänzlich neuen Track der Kalifornier zu hören, der wohl auch Dank der Mitarbeit von Alan Moulder (MY BLOODY VALENTINE, NINE INCH NAILS, DEPECHE MODE) die Perle dieser Scheibe geworden ist. Er fungiert als so etwas wie der Richtungsgeber oder äußere Rahmen für „Disco2“ und klingt so, wie HEALTH klingen würden, wenn sie sich selbst remixten. Das lässt erahnen, welch interessantes Resultat es geben könnte, wenn die Kalifornier von anderen Musikern in der Art Material zum Editieren zur Verfügung gestellt bekämen, wie sie es anderen zugänglich machen.

City Slang | CD | 26.Juli 2010
www.cityslang.com | www.healthnoise.com

© Beitrag veröffentlicht auf RoteRaupe.de (Juni 2010).

TextwerkWhite Hills | Berlin, White Trash, 17.03.10

WhiteHills-Concert

Manchmal muss man sich in die Keller der Urbanität begeben, um die Berge sehen zu können! Und so landet man dann mittwochabends in einem dunkel-feuchten Gewölbe und starrt gemeinsam mit etwa zwei Dutzend anderen Menschen auf das bizarre Geschehen, was sich auf der in helles Scheinwerferlicht getauchten, kleinen Bühne am Ende des beinahe endlosen Raumschlauchs ereignet. Am rechten Bühnenrand steht ein mit Glitzer im Gesicht bemalter Gitarrengnom, mit den wahrscheinlich kürzesten Beinen im Rock-Business, aber so dermaßen schnellen Fingern, dass einem beim Hinschauen schwindelig wird. In der Bühnenmitte schwebt die Bassistin auf einer Arroganzwolke: Instrument mit durchsichtigem Korpus, Catsuit, Null-Blick. Links davon steht eine wild in der Luft umher fuchtelnde, feminine Ausführung von Mr. Spock, deren wirr anmutendes Gestikulat nicht Resultat geistiger Umnachtung, sondern Bedienung eines wunderbaren Moog Theremins ist.

Drei Hingucker in vorderster Front also – und doch ist der heimliche Star des Abends ein anderer. Unscheinbar und friedlich wie ein vergessener Lennon-Sohn sitzt in Reihe zwei mit Batikshirt und Langhaarfrisur der Drummer hinter seinen Riesenkesseln und malträtiert diese so tight, kraftvoll und ausfüllend, dass einem nicht nur der Atem weg bleibt, sondern auch lebendige Erinnerungen an ZEPPELIN-Bonzo ins Oberstübchen gerufen werden. So bizarr diese Konstellation optisch anmutet, so derb liegen die WHITE HILLS in den Ohren. Das auf den Tonträgern des Quartetts vordergründige 60s-psych-Moment rückt im Konzert in den Hintergrund. Stattdessen dominiert akustische Intensität, ja geradezu Brachialität. Da werden enorme Berge aus wahnsinniger Lautstärke, monströsem Sound, massivem Riffing, erschütternder Trommelei und knurrige Tieffrequenzondulationen aufgeschüttet. Berge so hoch, schroff und atemberaubend, dass der Zuhörer nur ehrfürchtig da stehen, staunen, wirken lassen kann. Bezwingbar ist dieser Brocken nicht! Dass sich die Band mit ihrem von Fuzz und Modulationseffekten dominierten, ausschweifenden, frickeligen Klangstücken ein ums andere Mal in der eigenen Weitläufigkeit zu verzetteln droht, stört ob der zwar durchaus mit Hang zum Theatralischen, aber mit so viel Herzblut dargeboten Perfomance nicht. Optisch ist das tierisch schräg, lautstärketechnisch die Hölle und musikalisch einfach atemberaubend.

Die WHITE HILLS sind ein absoluter Koloss, ein von Sturzfluten aus betörendem Lärm umspülter Apokalypsetraum. Sie verbinden New-York-Bohème mit Rock-Urschleim und kreieren daraus eine absonderliche Mischung, die ästhetisch so tut, als hätte es Punk und den ganzen nachfolgenden Rattenschwanz an musikstilistischen Entwicklungen nie gegeben, ihm im Geiste aber gar nicht so fern bleibt. Ohne sich einem Style zu unterwerfen, ohne darauf zu schielen was „im Trend“ ist und ohne jeglichen Kompromisse zu machen, stellt sich die Band auf die Bühne und macht, zuweilen recht krautrockig, aber immer auch kritisch und kraftvoll, einfach das, was sie will: lauten, arschtretenden Rock. Ein für wahr schräges Konzerterlebnis.

www.whitehillsmusic.com

Beitrag erschienen in OX #90 (Juni/Juli 2010).

TextwerkYear Of No Light | Ausserwelt

yearofnolight-ausserwelt Eine gefühlte Ewigkeit ist seit dem atemberaubendem Erstling „Nord“ vergangen – und die ins Land gezogenen Jahre haben ihre Spuren bei YEAR OF NO LIGHT hinterlassen. So wurde etwa der bisherige Sänger wegen anhaltender Kontraproduktivität von seinen Aufgaben entbunden. Nach Ersatz wurde gar nicht erst gesucht; die Band aus Aquitanien verzichtet auf dem neuen Machwerk komplett auf Gesangsbeiträge. Dennoch ist eine Frischblutzufuhr erfolgt: Das Ensemble wurde nämlich um einen zweiten Schlagzeuger sowie einen dritten Gitarristen aufgestockt. Die personellen Veränderungen haben gemeinsam mit einem musikalischen Reifungsprozess auch zu hörbaren Veränderungen geführt. Die auf dem Debüt noch überdeutlichen Anteile von Düster-Hardcore der Marke URANUS sind nur mehr als weit entfernte Einflüsse zu vernehmen. Vorbei sind die Zeiten der ungebremsten Äußerung von Wut und Verzweiflung. Die spröde Unmittelbarkeit früherer Tage ist einer distanziert-reflektierten Erhabenheit gewichen. YONL klingen jetzt breiter und filigraner als je zuvor, haben deutlich an Tiefgang hinzu gewonnen. „Ausserwelt“ beginnt mit einem Leuchten, setzt sich auf dunkleren Pfaden fort und endet in völliger Schwärze. Diese Leitfaden-Wirkung ist durchaus intendiert und sowohl Teil, als auch Ergebnis des motivisch angehauchten Arbeitsansatzes der Band. Namensgebung und Klangmaterial beziehen sich auf das abstrakte Konzept einer Zwischenwelt, welche Anteile von Realität, aber auch Bruchstücke von Unbekanntem, Unsichtbarem enthält. Das Album ist nun wie eine Reise in diese Welt konzipiert; eine Reise, die in erster Linie eine introspektive ist. Mit dieser programmatischen Aufladung des musikalischen Materials mit mythologischen, theologischen und philosophischen Zusammenhängen rücken die Franzosen das Album in die Nähe der Sinfonischen Dichtung. Die musikalische Umsetzung dessen realisiert das psychedelische Orchester mit klar erkennbaren Metal-Einfluss auf ebenso konventionelle wie raffinierte Art und Weise. YONL nehmen sich Zeit für Entwicklung und Durchführung des musikalischen Materials, geben ihm Luft zu seiner Entfaltung. Auf einem kraftvollen Fundament von ruhelosem, aber klar definierendem Schlagzeugspiel weben drei Gitarren ein dichtes Netz aus Melodie, Fläche, Feedback und brutal kraftvollen Akkorden, in welches beizeiten zudem auch noch Synthie-Sounds eingeflochten werden. Die so in minutenlangen Spannungsbögen ausgeführte Klangschichtung erzeugt eine enorme Detaildichte, die nie überladen wirkt, sondern vollständig Sinn macht und gleichwohl die Aufmerksamkeit des Zuhörers fordert und fördert. In einer gelungenen Zusammenführung von Shoegaze, Doom, Sludge und Death Metal kreieren YONL auf „Ausserwelt“ eine subtile und vielschichtige Musik, die viel Licht und viel Düsterkeit passig zusammen bringt und damit das Abstraktum „Zwischenwelt“ adäquat darzustellen vermag.

Conspiracy/Music Fear Satan | CD: CORE089/2LP: MUF009 | Apr 2010
www.conspiracyrecords.com | yearofnolight.free.fr

Beitrag erschienen in OX #90 (Juni/Juli 2010).

TextwerkKeelhaul | Keelhaul’s Triumphant Return To Obscurity

Keelhaul_TriumphantReturnToObscurity Ich bin zutiefst beeindruckt: Da kommt eine Band nach beinahe sechs Jahren klammheimlich aus der Versenkung hervor und liefert ein Album ab was nicht nur extrem frisch klingt, sondern auch noch locker der Großzahl des Math-/Noise-Rock-Kollegiums mindestens Neidesblässe ins Gesicht treibt. Was KEELHAUL auf „Triumphant Return To Obscurity“ veranstalten ist schlichtweg Atemberaubend! Die vier Herren aus Cleveland, Ohio scheren sich einen Dreck um Hörgewohnheiten. Math, Noise, Metal und Hardcore heißen die vier, den vertrackten, fummeligen Schräg-Kompositionen zugrunde liegenden Eckpfeiler; gespielt mit wunderbarer Leichtigkeit, technischer Finesse sowie routinierter Präzision und auf beinahe mysteriöse Art absolut funktionierend. KEELHAUL sind extrem druckvoll und heavy, ohne die Feinfühligkeit komplett an der Studiotür abgegeben zu haben, verspielt, ohne sich in angeberische, sinnfreie Fummelei zu verlieren, und komplex, ohne „Unhörbarkeit“ zu generieren. „Triumphant Return To Obscurity“ klingt in etwa so, als hätten KNUT versucht die musikalischen Ansätze von BOTCH, BATTLES und LIGHTNING BOLT zu fusionieren. Ganz starkes Album! (OX#89)

Hydra Head / CD|2LP: HH666-185 / 2009
www.hydrahead.com | www.keelhaul.info/

TextwerkTextverhältnisse

vielzuvielharmlosemusik

Ein Streifzug durch die deutschsprachige Musik-Webzine- und Blog-Sphäre offenbart eine unangenehm defizitäre Auseinandersetzung mit Klang und den kulturellen Zusammenhänge, in die er eingebunden ist. Jeder soll und darf dank Web 2.0 zu jedem beliebigen Thema eine Meinung haben und wähnt sich dank leichter Zugänglichkeit zu detaillierten Informationen auch befähigt dazu. Das Schreiben über Musik ist zu einer kulturellen Praxis der Ausstattung des Ichs mit bestimmten kulturellen Stilmerkmalen, zu einer bloßen Aufzählung und Ausstellung, zu einer „Performance des eigenen Geschmacks“ (M.Terkessides, vgl.) verkommen, ohne, dass dabei auch nur ansatzweise erkennbar wird, warum die Meinung diese Ichs überhaupt irgendeine weitreichendere Relevanz haben soll.

Nun möchte ich mich nicht hinstellen und das per se verteufeln; diese Selbstbefähigung hat ja durchaus etwas sehr unhierarchisches, freiheitliches und damit – wenigstens oberflächlich betrachtet – etwas „Gutes“. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch schnell ein absonderlicher Konformismus offenbar, der mich nervt und jeden, der kein Brett vor dem Kopf hat, mindestens zur Weißglut treiben sollte. Es ist nicht in Frage gestellter Usus, voneinander abzuschreiben, Zitate zu zitieren: Auf die selbe Art wie etwa Christina Aguilera Britney Spears zitiert, die ihrerseits wieder nur ein Zitat von Madonna ist, wiederkäuen eine Vielzahl von Blogs den Müll, den diverse Webzines bei den Corporate-Rock-Magazinen abschreiben oder direkt von den Klanghändlern zugeschachert bekommen. Der unkundige Klatsch wird Anno 2010 nicht mehr (nur) wie einst am Stammtisch oder im Häkelkurs, sondern weltweit weiter getratscht. Er ist also lauter und weitreichender geworden, aber mitnichten kenntnisreicher. Auf diese Weise sorgen die Aktanten gemeinsam für die Vereinheitlichung von Meldungen, stützen ergo die von an Vermassung interessierten Kulturindustrieellen versuchte Beeinflussung hinsichtlich der Empfindung der Wichtigkeit von Themen. Daraus ergibt sich eine informationstechnische Schräglage, die zumeist nicht als solche (an)erkannt wird. Verlegene, halbherzige Begründungsversuche zielen immer in Richtung (zweifelhafter) Qualität oder Geschmack, ohne auch nur einen ansatzweisen Versuch erkennen zu lassen, diese zu erklären. Diese stützen sich am Kanon, den sie damit weiter verfestigen und ergo lediglich Ausdruck der Diktatur des und der Angepassten sind.

Eine Frage, die sich da aufdrängt, ist die nach dem Warum? Woher rührt bei Leuten, die zudem oftmals sich und ihren Lebensentwurf als „indie” – also vermeintlich „unabhängig“ – feiern, ein so unabringbares Interesse an kulturellem Gleichschritt und konformistischen Einheitsbrei? Web 2.0 böte den Leuten schier unglaubliche Möglichkeiten, Weiterlesen

TextwerkBuried Inside – Nachdenklich, stimmungsvoll, gewaltig.

Buried Inside Die fünfköpfige Formation BURIED INSIDE kommt aus Ottawa, Kanada und verschmilzt seit mehr als 10 Jahren auf beeindruckend stimmige Weise Elemente von Sludge, Doom, Crust, Metal und Hardcore. Im März 2009 erschien das vierte Album „Spoils Of Failure“, welches erneut musikalisch und inhaltlich deutlich mehr ist, als ein paar hingeworfene Klangfetzen. BURIED INSIDE regen den Intellekt an, ohne mit gemimter Intellek­tualität zu nerven. Aufgeräumt und reflektierend zeigt sich Gitarrist Andrew Tweedy im Interview.

Ihr wart jüngst mit eurem neuen Album in der Tasche in Europa unterwegs. Wie war die Tour und die Reaktionen auf die Platte?
Die Tour war, wie auch schon beim vorherigen Mal in Europa, absolut großartig. Ich glaube ihr könnt euch viel mehr für kleinere Bands wie unsere begeistern. Das Album ist auch sehr gut angekommen. Viele Leute fragen bei Konzerten zwar immer auch nach Songs von „Chronoclast“, was glaube ich nur natürlich ist, aber die meisten haben ehrliches Gefallen an dem neue Material bekundet. Ich denke viele Leute anerkennen es einfach, dass wir uns in eine etwas andere Richtung bewegt haben und respektieren dies.

Seit der Veröffentlichung von „Chronoclast“ sind 4 Jahre vergangen. Warum hat es mit einer neuen Platte so lange gedauert?
Wir sind lange mit „Chronoclast“ getourt. Da wir während der Touren nie an neuem Material arbeiten, haben wir erst Mitte 2006 angefangen neue Ideen zusammen zu tragen. Wir nehmen uns auch immer viel Zeit für das Songwriting. Wir erarbeiten Neues von Grund auf als Kollektiv. Wir jammen viel, probieren unterschiedliche Arrangements aus. Viele Parts liegen auch immer wieder eine ganze Weile brach, bevor bevor wir daran weiter arbeiten. Wir setzen Stück für Stück die Teile zu dem zusammen, was dann auf den Alben zu hören ist. Wir arbeiten mit viel Bedacht – In jeder Hinsicht!

Was ist die „Spoils Of Failure“ zu Grunde liegende Idee?
Die meisten Gedanken auf der Platte drehen sich um die verlogenen Versprechen von Informationstechnologien im Allgemeinen. Bestimmte Leute haben einfach ein Interesse daran, dass nicht alle Menschen mit bestimmten Diensten, Zugängen und Sicherheiten ausgestattet sind. Zudem wird die Grenze zwischen Fahrlässigkeit und Weiterlesen

TextwerkThe Use Of Ashes | White Nights, Glowing Lights

theuseofaahes_wngl „White Nights, Glowing Lights“ ist eine Scheibe, die mal düster, mal tolpatschig, mal verträumt, mal psychedelisch daher kommt, in dieser Vielfältigkeit und scheinbaren Zerissenheit aber wunderbar stimmig klingt. THE USE OF ASHES umwickeln auf ihrem siebten Studialbum das immer währende Akustikgitarren-Gerüst behutsam und gekonnt mit allerlei Instrumentarium, wie Sitar, Tabla und Bouzouki, Mellotron, so dass sich eine leicht schräge Fragilität ergibt, die das Ganze etwas surreal und leicht exzentrisch wirken lassen. Fast programmatisch thront eine irgendwie hoffnungsvolle Traurigkeit über dem Lo-Fi-Psychperiment der niederländischen Formation. Eine fruchtbare Zusammenbringung von neofolkiger Herangehensweise, düsterer, klaustrophobischer Grundstimmung und einem Hang zur cineastischen Inszenierung. Erinnert dabei dezent an Musiken von BODUF SONGS, MOTHLITE und vor allem THE OWL SERVICE. Das Album versprüht also eine Menge britischen Flair und überzeugt damit auf der ganzen Linie. (CE/I.2010)

Tonefloat / CD|LP: TF072 / Vö: Aug 2009
www.tonefloat.com | www.useofashes.com

TextwerkSunn O))) | Berlin, Berghain, 23.10.2009

sunn_berghain Noch lange bevor die Krachsinfoniker Stephen O’Malley und Greg Anderson gemeinsam mit ihren Live-Mitstreitern die Bühne des zum Kultobjekt gestylten, endzeitig anmutenden Berghain besteigen, startet eine bedrohlich blubbernde Monotondarbietung mönchsartiger Rezitative. Somit wird von vornherein klar, was sowieso allen Anwesenden klar gewesen sein dürfte: Easy Listening gibt es an diesem Abend nicht! Die deshalb etwas überraschende Erkenntnis: die Zuhörerschaft bildet ein angenehm gemischtes Publikum! Ein SUNNO)))-Konzert ist längst keine Freak-Show mehr; jüngste Features in Feuilleton und Breitenmusikblatt haben ihre Spuren hinterlassen. Nach einer halben Stunde, kurz bevor das mantraartige Gemurmel einem final die Nerven raubt, knallt aus dem Dunkel ein infernalisches Feedback. Diese erste Wellenfront läutet – über die atemberaubende Function-One-PA des Techno-Tempels wie zeitgleiche Tritte in Rücken und Magengrube wirkend – die Bühnenversion von „Monoliths & Dimensions“ ein. Derbstes Brummen, Sirren und Beben macht sich im Raum breit. Einige entgeistert überstandene Minuten später erscheint wie aus dem Nichts eine Stimme, dazu aus beharrlich wabernden Nebelsäulen zäh gestikulierende Hände. In gebrochenem Englisch und mannigfaltigen Gesangstechniken malt der kunstgrunzende Ungar Attila Csihar im Folgenden fortwährend düsteren Bilder in die bange Dunkelheit. O’Malley und Anderson zelebrieren in Kutten gegleidet jede Saitenberührung priesterlich. Die Resonanzfrequenzen der Knochen lassen mit jedem Akkord andere Körperregionen erbeben; es vibriert und knackt und summt im ganzen Leib. Es dauert eine ganze Weile, bis sich die intensitätsbedingte Konsterniertheit einer sonderbaren Glückseligkeit weicht. Das Ganze ist nicht mehr akustische, es ist eine körperliche Erfahrung! Außerdem ist es eine perfekte Düster-Inszenierung: viel Nebel und Lichteffekte, Geste und Pose, Mystifizierung und Faszination. Mit all den Noise- und Gruselklischees ist das Ganze aber auch ein wenig kitschig. Dennoch ist die Darbietung fieser, als das meiste Andere je sein könnte, weil hier von typischen Parametern von Musik abgerückt wird, was Haltlosigkeit und Verwirrung begünstigt und somit radikal das praktiziert, was in anderen radikal erscheinenden Musiken nur über Implikationen vorgetäuscht wird. Doch auch bei SUNNO))) dienen diese Dekonstruktionen einfach dem uralten Prinzip der Popkultur: es gilt dem Zuhörer ein unvergessliches Spektakel zu bereiten. In diesem Sinne nehmen die Meister von Drone und Doom die Popkultur mit deren ureigensten Mitteln auseinander, und hinterlassen zumindest ein gepflügtes Feld für einen Neuansatz. Alles vorhergehende muss da im Vergleich zwangsläufig wie ein Trivialitätenkabinett erscheinen. Nach 90 Minuten macht sich dann deutlicher als bei jedem anderen vorher erlebtem Konzert die direkt erfahrene Schallintensität bemerkbar: Man fühlt sich als hätte man just einen Triathlon absolviert und auch noch Tage später befinden sich die Knochen in der Ausschwingphase. Das Versprechen Schallwellen physisch wahrnehmbar zu machen wurde intensiv eingelöst.

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