
Sascha Anderson, geboren 1953 in Weimar, damals wie heute als Verleger, Herausgeber, Lektor und Schriftsteller tätig, lebt in Berlin und Frankfurt/Main. Er ist Herausgeber der Reihen „Black Paperhouse“ und „Edition Paperhouse“ im Gutleut Verlag. Im selben Verlag erschienen 2006 auch seine aktuellsten Publikationen „Totenhaus“ und „Crime Sites. Nach Heraklit“.
Hast du dich in der DDR, wie konkret oder abstrakt auch immer, unterdrückt gefühlt? Gab es irgendwelche konkrete, unmittelbare Konfrontationen mit den Staatsorganen oder Sanktionen? Von meinem Vater. Von zweien meiner vielen Onkel. Vom Wunsch meiner Großmutter, mich vor ihrem Tod zu verheiraten. Konfrontationen mit dem Staat gab es bei jedem zweiten Versuch öffentlich aufzutreten oder zu veröffentlichen.
In wie weit warst du Teil der Punkszene der DDR? Was hat dich an Punk interessiert, was machte den Reiz aus? Nur am Rande. Eindeutiges Interesse an direkteren Ausdrucksformen als sie die Literatur bietet. Überdruß an den Frauenkleiderschattierungen zwischen violett und lila. Immermal wieder Pionierleitersyndrome. Die eigenen und die Kinder der Freunde kamen ins renitente Alter. Wenn man ein Konglomerat aus CAN, CAPTAIN BEEFHEART und PIL gut umrührt, dann ist das etwa das, was ich als Punk empfunden habe.
Du warst ja damals im Enstehungsprozess der “DDR von unten” LP entscheidend beteiligt. Wie haben sich dir die Vorgänge der Realisierung dieser Platte damals dargestellt? Wie ist das abgelaufen? Wie bei allen Projekten, an denen eine Unmenge Personen beteiligt war. Am Anfang sind alle dabei, dann beginnen sie reihum darüber nachzudenken, was von Vorteil und Nachteil sein könnte. Währenddessen verlassen wieder ein paar die DDR und am Ende steht die Frage, findet es überhaupt noch statt. Irgendwer muß oder will es dann durchziehen. Ist immer eine Gratwanderung zwischen Egoismus und Altruismus. Hatte ja damals auch schon zwei Bücher im Westen veröffentlicht; da wird man dann für alles angesteuert. Vielleicht auch ein wenig das Gefühl, sowieso machen zu können, was ich wollte, wenn Weiterlesen


Zwischen all dem immergleichen, glatt polierten Klangmüll taucht glücklicherweise hin und wieder mal doch ein originäres Faszinosum auf, welches, anstatt mit anbiedernder Hörbarkeit zu langweilen und als geschmacksbefriedigende Dienstleitung daher zu kommen, sich ziemlich deutlich in Richtung “musikalischem Draußen” begibt. Musik als Kunst ist hier Ausdruck von Verwirrung, Verrücktheit, Wahnsinn. OXBOW scheren sich einen Scheiß um Erwartungen und Hörgewohnheiten und bieten auf “The Narcotic Story” infernalische, langsam brennende, schleichend klagende Musik; definitiv heavy, obwohl niemals laut. Abwechselnd cleane, aufgelöste Akkorde und crunchige Gitarren sowie ab und zu mal eine Akustikgitarre, dazu ein dezenter, präziser Bass und ein dreckig schepperndes Schlagwerk besorgen das erdige Fundament und schaffen es aus jedem noch so kleinem Element einen mysteriösen Groove zu stricken. Fast schon zart wird bluesiges Material filetiert und in griffig-giftige Rock-Riffs gepackt, die sich mal schleppend langsam, mal wuchtig, aber stets verwirrend und hypnotisch in die herausgeforderten Gehörgänge schieben. Versüßend kommen gelegentlich Streicher-, Piano- oder Flöten-Klänge zum Einsatz, die den Kontrast zu den dreckigeren Passagen schaffen und so über Diskrepanz eine enorme Spannung schaffen. Über allem liegt eine verstört wirkende Stimme, die befremdlich und verwirrend an der Psyche nagt. Sänger Eugene Robinson windet sich stimmlich durch die Songs, kotzt seine Seele aus, brabbelt, wimmert und schreit, dass einem Angst und Bange wird (jetzt stell dir noch einen halbnackten, finster drein schauenden Hünen vor dir auf der Bühne stehend vor und du bekommst ne ungefähre Ahnung von dem Spannungsfeld, was sich zwischen Faszination und Schrecken ergibt!). Die Texte sind wirr und größten Teils – zum Glück? – unverständlich. Ausdruck besitzen sie dennoch genug, entfalten sie doch in Robinsons Darbietung die Kraft, den Zuhörer in einen enormen Schwebezustand zwischen Verwirrung, Betroffenheit und Überwältigung zu versetzen. “The Narcotic Story” ist bluesig im Material, wartet mit der Ambition und Offenheit des Jazz auf und nährt seine Spezifik aus der Wucht und Attitüde des Rock. Mit herkömmlichen Mitteln schaffen OXBOW einen Gegenentwurf zu selbigen und kreieren eine surrealistische Musik, die gar nicht “mehr” sein will, es aber sicher ist. [



















